Wein ist im Gegensatz zur Kunst nur begrenzt von bleibendem Wert. Die Vergänglichkeit liegt in seinem Wesen, bzw. im Bauch des Genießers. Die Flasche mag ja voll sein, aber die Kunst des Winzers bleibt meistens nur für einen Abend bestehen. Und was nützt die schönste Flasche, wenn der Wein verschwunden ist?
Hubertus Hüttich ist mal wieder der erste. Er ist nicht nur der erste Winzer im Jenaer Raum, der mit seinem Weinberg seinen Lebensunterhalt verdient, sondern auch der erste, der in dieser Region in diesem Herbst mit der Traubenernte beginnt.
Am Dienstag waren Weinbauer Hubertus Hüttich und seine Helfer schon kurz nach 9 Uhr den Morgentau hatte die Sonne bereits getrocknet im Weinberg
unter der Gleisburg zu Gange. "Wir haben im Interesse der Qualität des Weines mit der so genannten positiven Vorlese der Trauben vom Müller-Thurgau begonnen", berichtet er. Der Winzerfachausdruck besagt, dass nur die reifsten Trauben geschnitten werden, diejenigen, die noch etwas Sonne gebrauchen können, bleiben am Stock.
"Das Wetter ist in diesem Jahr nicht optimal, die Wettervorhersagen kündigen für das Wochenende zudem Regen an, da haben wir uns entschieden, mit der Lese jetzt zu beginnen", erklärt er. Für den Winzer gelte es abzuwägen, ob er mit einem höheren Säuregehalt der Trauben vorlieb nehme, oder ob er noch etwas mehr Zucker wolle. Allerdings entwickle sich bei höheren Temperaturen auch die Graufäule sehr gut. Das bringe dann Qualitäts- und Ertragseinbußen.
Die fleißigen Leser in HüttichsWeinberg nehmen jede Traube genau in Augenschein, schneiden faule Beeren heraus. "Das ist nur bei der Handlese möglich, maschinell geht so etwas nicht. Doch, in die Presse soll nur Gutes", betont der Chef. Sein Gefühl sagt ihm, dass "der erste Wein ein guter wird". Die Proben, die regelmäßig gezogen werden, deuten auf mehr als 70 Grad Oechsle hin. Dieses Maß für das Mostgewicht des Traubenmostes, also für den Stoff-, besonders den Zuckergehalt der Trauben. Im Allgemeinen liegt das Mostgewicht an Saale und Unstrut für den Müller-Thurgau zwischen 70 und 90 Grad Oechsle.
Bestätigung bekommt Hubertus Hüttich am Nachmittag, nachdem er die Ernte des Tages eingemaischt und abgepresst und noch einmal gemessen hat: 73 Grad Oechsle. "Das ist gut." Die Entscheidung, wie gut der Müller-Thurgau von 2010 wird, fällt endgültig, wenn die restlichen Trauben der Rebsorte eingemaischt sind und die Hefe in den kommenden Monaten ihre "Arbeit" leistet. Im März kommt der Wein in die Flaschen, berichtet Hüttich. Bis dahin hat der Winzer aber noch alle Hände voll zu tun.
Erst einmal müssen die restlichen Trauben geerntet werden. "Mindestens vier, fünf Tage müssen wir da nochmal ran", sagt er. Wenn er auch sonst das Jahr über alle anfallenden Arbeiten allein bewältigt und mit seinem
Weinberg seinen Lebensunterhalt verdient, die Lese schafft er allein nicht.
"Da fasst die ganze Familie mit an". Auch am Dienstag waren die Hüttichs fast komplett dabei. Frau Heidrun, Bruder Reinhardt, der selbst seit 30 Jahren Hobby-Winzer ist, Schwägerin Regina und Schwager Wolfgang sind genauso mit von der Partie wie Sohn Andreas mit Freundin Sylvia. Sie haben extra Urlaub oder frei genommen, um bei der Lese zu helfen. Gemeinsam sitzen alle sieben dann in dem kleinen, schiefergedeckten Weinbauernhäuschen am Hang und lassen sich verdientermaßen das Vesperbrot schmecken. Hubertus Hüttich bringt die Ernte des Tages mit einem Traktor auf seinen Hof in Golmsdorf, wo deren aufwändige Weiterverarbeitung beginnt. Spätestens beim Genuss eines Glases frischen Gleistalweins jedoch sei die ganze Mühe vergessen, versichert er.